Aktuelle Meldungen
Erwartung nach Schulter-Behandlung: Alltag für Frauen wichtiger, Sport für Männer
Wenn es um eine Schulteroperation geht, unterscheiden sich die Erwartungen von Frauen und Männern deutlich. Männer möchten nach dem Eingriff vor allem wieder Sport treiben, Frauen wünschen sich in erster Linie, ihren Alltag selbstständig bewältigen zu können. Anlässlich des Internationalen Frauentags macht die DGOU darauf aufmerksam, dass solche Unterschiede in der Medizin stärker berücksichtigt werden müssen. „Geschlechtersensible Medizin ist kein Zusatzthema, sondern ein Qualitätsmerkmal moderner Versorgung von Männern und Frauen“, sagt Dr. Jörn Dohle, stellvertretender Präsident der DGOU. „Unterschiedliche Erwartungen und biologische Besonderheiten müssen sich in Forschung, Leitlinien, Prävention und Therapieplanung widerspiegeln.“
So gaben in einer Studie 67 Prozent der Männer an, die Rückkehr zur Sportfähigkeit habe für sie oberste Priorität. Ebenso viele Frauen nannten die selbstständige Durchführung von Haushaltstätigkeiten und Alltagsfunktionen als wichtigstes Ziel. Beide Geschlechter betonten zudem die Bedeutung schmerzfreier Nächte. „Meine Erfahrung ist, dass Frauen im Allgemeinen eher zurückhaltende Erwartungshaltungen äußern und oft das Wiedererlangen der Funktionalität im sozialen Gefüge, also das ‚Funktionieren für andere' im Vordergrund steht“, sagt PD Dr. Natascha Kraus-Spieckermann, Präsidentin der DGOU-Sektion D-A-CH Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie (DVSE).
Doch nicht nur die Erwartungen, auch die Erkrankungen selbst unterscheiden sich. Schulterinstabilitäten betreffen überwiegend jüngere Männer: 72 bis 82 Prozent der Betroffenen sind männlich. Beide Geschlechter zeigen einen Häufigkeitsgipfel zwischen 20 und 29 Jahren. Frauen allerdings weisen einen zweiten Gipfel zwischen 70 bis 79 Jahren auf. Die Ursachen sind bislang nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden altersbedingte Muskelatrophie, Veränderungen im Bindegewebe sowie hormonelle Einflüsse.
Hormonelle Veränderungen spielen eine Rolle
Noch deutlicher werden die Unterschiede bei der Frozen Shoulder, der sogenannten Schultersteife oder der Kalkschulter: Frauen sind hier drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer. Auffällig ist ein Anstieg in der Zeit vor und während der Wechseljahre. Aktuelle Studien untersuchen, welche Rolle hormonelle Veränderungen dabei spielen, insbesondere der Östrogenhaushalt⁴. „Viele Zusammenhänge sind noch nicht vollständig geklärt. Das spricht dafür, dass wir den Östrogenhaushalt und andere systemische Faktoren stärker in den Blick nehmen müssen. Wenn wir diese Mechanismen besser verstehen, können wir Therapien gezielter anpassen und Patientinnen früher und individueller unterstützen“, sagt Kraus-Spieckermann.
Daher betont Dr. Rebecca Sänger, Leiterin der DGOU-Arbeitsgemeinschaft Geschlechtersensible Medizin: „Geschlechterunterschiede prägen Erwartungen, Erkrankungshäufigkeit und Therapieergebnisse – und dennoch orientiert sich ein Großteil der medizinischen Forschung bis heute am männlichen Standard. Das wird der Versorgungsrealität von Frauen nicht gerecht. Wenn wir Präzisionsmedizin ernst meinen, müssen geschlechterspezifische Daten konsequent erhoben, ausgewertet und in Leitlinien umgesetzt werden.“
Die DGOU setzt sich ein für:
- eine stärkere Berücksichtigung biologischer und sozialer Geschlechtsunterschiede in Studien
- die systematische Auswertung geschlechtsspezifischer Daten in Registern
- die gezielte Förderung gendersensibler Forschung in Orthopädie und Unfallchirurgie
Viele Schultererkrankungen lassen sich zunächst ohne Operation behandeln – etwa mit Schmerztherapie, Physiotherapie, Injektionen oder Stoßwellentherapie. Wenn ein Eingriff notwendig ist, erfolgt er heute meist minimalinvasiv in Schlüssellochtechnik. Bei fortgeschrittener Arthrose kommen moderne Endoprothesen zum Einsatz. „Doch moderne Schultermedizin bedeutet mehr als Technik. Sie bedeutet, individuelle Ziele ernst zu nehmen“, sagt Kraus-Spieckermann.
Zitiert nach einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) vom 04.03.2026