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Psychische Gesundheit / Erkrankungen

Meldungen zum Thema

Angst und Depression in der Schwangerschaft besser erkennen

Eine Schwangerschaft ist nicht immer nur eine Zeit unge­trübter Vorfreude - selbst wenn ein Wunsch­kind unterwegs ist. Bis zu 20 Prozent der werden­den Mütter sind Studien zufolge beispiels­weise von einer Depression und bis zu 25 Prozent von Ängsten betroffen. Das durch den Innovations­fonds des Gemein­samen Bundes­auschusses (G-BA) geförderte Projekt Mind:Pregnancy will Schwangere gezielt auf Störun­gen der Stimmungslage unter­suchen lassen und damit eine Versor­gungs­lücke schließen.

"Programm für mehr Achtsamkeit in der Schwangerschaft" startet am 28. Januar 2019
"Unter Depressionen, Stress und Ängsten - darunter auch ganz konkreter Angst vor der Geburt selbst - leidet nicht nur die Schwangere selbst. Auch für Kind und Familie ist die Erkrankung eine große Belastung", erklärt Dr. Stephanie Wallwiener, Projektleiterin und Privatdozentin an der Universitäts-Frauenklinik Heidel­berg. Am 28. Januar 2019 startet das sogenannte "Programm für mehr Achtsamkeit in der Schwanger­schaft" in ganz Baden-Württemberg, rund 15.000 Frauen können im Rahmen des Projektes versorgt werden. Schwangere, die bei einer der beteiligten Kranken­kassen (die Techniker Krankenkasse, die mhplus Betriebskranken­kasse, die über die GWQ ServicePlus AG teilnehmenden Betriebs­kranken­kassen, die AOK Baden-Württemberg und die BARMER) versichert sind, können sich auf freiwilliger Basis mit einem Fragebogen auf Anzeichen von Depressionen, Ängsten und Stress untersuchen lassen. Zeigt sich in dieser ersten Untersuchung durch den behandelnden Frauenarzt, dass eine schwangere Frau eine starke psychi­sche Belastung hat, wird sie durch Mitarbeiter der an dem Projekt teilnehmenden Universitäts­frauen­kliniken Heidelberg und Tübingen kontaktiert und bekommt direkt psychologische Hilfe. Schwangere, die mildere Anzeichen von Störungen der Stimmungs­lage zeigen, werden eingeladen, an einem online­basier­ten Selbsthilfe­angebot zur Acht­samkeit teilzunehmen.

Ein weiterer Grund für dieses bislang in Deutschland einmalige systematische Screening: Die Zahl der Kaiser­schnitte steigt seit Jahren stetig an. In Baden-Württem­berg wird inzwischen fast jedes dritte Kind auf diese Weise entbunden, obwohl der Eingriff für Mutter und Kind körper­lich belastend ist, Risiken für Folgeschwangerschaften entstehen können und die Kinder später ein erhöhtes Risiko für Atem­probleme und Allergien haben. "Es hat sich gezeigt, dass Frauen, die unter Stress, Angst oder Depressionen leiden, sich eher einen Kaiser­schnitt wünschen, auch wenn dieser medizinisch nicht unbedingt notwendig wäre", sagt PD Dr. Stephanie Wallwiener, Urheberin und Projektleitung von Mind:Pregnancy. Ein weiteres Ziel der Maßnahme ist daher, den Schwangeren die Ängste zu nehmen und mehr physio­logische Geburten zu ermöglichen.

Weniger Angst und Stress, mehr Selbstvertrauen und Lebensqualität
"Mithilfe des Online-Angebotes werden Schwangere mit Anzeichen für eine psychische Belastung unter anderem im Umgang mit Ängsten und körperlichen Veränderungen geschult. Zudem sollen durch diese Maß­nahme das Selbstvertrauen und die Lebensqualität gefördert werden", sagt PD Dr. Stephanie Wall­wiener. Das Angebot besteht aus acht wöchentlichen, ausschließlich digitalen Sitzungen, die sich aus verschiedenen Bestandteilen wie beispielsweise Videos und Arbeits­blättern zusammen­setzen. Die Sitzun­gen können via Computer, Tablet oder über eine Smartphone-App bearbeitet werden. Am Ende jeder zwei­ten Sitzung senden die Teilnehmerinnen Rückmeldungen zu ihrer psychischen Belastung an die koor­dinieren­den Stellen der Universitäts-Frauenkliniken. In dem insgesamt über dreieinhalb Jahre laufenden Projekt wird untersucht, ob die mit dem Mind:Pregnancy-Selbst­hilfe­angebot versorgten Schwangeren weni­ger depressive Symptome haben als Patientinnen, denen diese Form der Selbsthilfe nicht zur Verfü­gung steht und ob es möglich ist, mit Hilfe eines derartigen Angebotes die Kaiserschnittrate zu senken.

Besonders wichtig für das Gelingen des Projekts ist die Kooperation mit den nieder­gelas­senen Frauen­ärzten und hier insbesondere mit dem Berufsverband der Frauenärzte, Landesverband Baden-Württem­berg. "Dieses Konzept ist besonders für die niedergelassenen Frauenärzte von Bedeutung und wir freuen uns auf die enge Zusammenarbeit", erklärt Markus Haist, Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauen­ärzte Baden-Württemberg. Die baden-württembergischen Frauenärzte werden zurzeit gezielt über ver­schie­dene Foren angesprochen. An einer Teilnahme interessierte Praxen können sich ab sofort unter mind­pregnancy.de oder direkt bei der Kassen­ärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg registrieren lassen und erhalten im Laufe des vierten Quartals die erforderlichen Unter­lagen für die Teilnahme am "Vertrag für mehr Achtsamkeit in der Schwangerschaft".

Von zu Hause aus Hilfe zur Selbsthilfe bekommen
"Das Programm Mind:Pregnancy schließt eine Versorgungslücke, denn bisher erfolgt keine systema­tische Erhebung der psychischen Belas­tung von Schwangeren im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen", sagt Prof. Dr. Markus Wallwiener, Geschäftsführender Oberarzt der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik. Im Erfolgsfall stellt das online­basierte Selbsthilfe­angebot eine leicht zugäng­liche und kosten­günstige Maß­nahme dar, welche das Auftreten von psychischen Störungen und die Häufigkeit von Kaiserschnitten verrin­gert und von Schwangeren zu Hause und ohne Wartezeiten durchgeführt werden kann.

Durch das Screening und passende Maßnahmen in Abhängigkeit zum Ausmaß der psychischen Belastung lassen sich außerdem ungünstige Auswirkungen auf die geborenen Kinder deutlich verringern. Wissen­schaft­liche Studien haben gezeigt, dass sich psychische Probleme in der Schwanger­schaft negativ auf die motorische und geistige Entwicklung des Kindes auswirken können sowie mit kindlichen Verhaltens­störun­gen und ADHS in Verbindung stehen. "Die Datenlage verdeutlicht die Notwendig­keit wirksamer Screening-, Präventions- und Interventionsprogramme, um Hinweise auf psychische Störungen frühzeitig zu erkennen und den betroffenen Frauen Unterstützungs- und Therapie­angebote zugänglich zu machen", so Prof. Dr. Christof Sohn, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. "Sollten die Projekt-Daten diese Annahmen bestätigen, wäre eine Ausweitung des Screenings im Rahmen der Regelversorgung auf das gesamte Bundesgebiet sinnvoll."  

Partner des Projektes Mind:Pregnancy
Konsortialpartner des Projektes sind das Institut Frauengesundheit Tübingen, die Universitäts-Frauen­klinik Tübingen, die Ludwig-Maximilian-Universität München, die Universität Bielefeld, die Abteilung Psychosomatik der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, die Techniker Krankenkasse, die mhplus Betriebskrankenkasse und die GWQ ServicePlus AG als Arbeitsgemeinschaft von Krankenkassen. Als Partner im Selektivvertrag nimmt der Berufsverband der Frauenärzte teil. Kooperationspartner sind die AOK Baden-Württemberg, die Barmer Ersatzkasse und die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württem­berg. Geldgeber für das Projekt ist der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Bei erfolgreicher Evaluation könnte das Projekt deutschlandweit und in Abstimmung mit allen an der Schwangerenversorgung beteiligten Akteuren Teil der von den gesetz­lichen Krankenkassen übernommenen Regelversorgung werden.

Weitere Informationen im Internet: www.mindpregnancy.de

Zitiert nach einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg vom 22.01.2019