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Stillförderung muss alle Familien erreichen

Wie kann man das Präventionsdilemma umgehen?

Angebote der Prävention und Gesundheits­förderung erreichen nur selten belastete Familien mit einem hohen Unterstützungsbedarf. Das trifft auch auf die Still­­för­derung und -beratung zu. Um diesem Dilemma zu begeg­nen, muss man heraus­­finden und verste­hen, warum die Angebote von den Familien nicht in An­spruch genom­men werden.

Die Zusammenhänge zwischen Stillverhalten und Sozialstatus sind lange bekannt. Frauen mit einem niedrigen sozio­ökonomischen Status stillen seltener und kürzer. Das trifft auch auf junge Frauen sowie auf Frauen zu, die während der Schwanger­schaft Alkohol getrunken oder geraucht haben. Es ist auch keine neue Erkenntnis, dass Familien in psycho­sozial belasteten Lebens­situationen Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung selten wahrnehmen – obwohl sie einen hohen Unter­stützungs­bedarf haben. Wenig belastete Familien mit geringem Unterstützungs­bedarf nehmen die Angebote dagegen stark in Anspruch. Auf diese Weise verstärken Präventions­angebote – die zu gesundheitlicher Chancengleichheit beitragen sollen – den Abstand zwischen den beiden Gruppen. Ressourcen­starke Familien, die in der Lage sind, selbst Unter­stützung zu organisieren, profitieren von diesen Angeboten. Ressourcen­schwachen Personen kommen sie nur selten zugute. Die Ursachen für ein solches Präventions­dilemma sind multi­dimensional und komplex.   

Welche Wege gibt es aus dem Dilemma? Der wichtigste erste Schritt ist, die Lebensstile und Lebens­reali­täten der belasteten Familien zu kennen. Indem subjektive Beweggründe, Bedarfe und Bedürf­nisse erho­ben werden, können die Gründe für eine geringere Inanspruchnahme tatsächlich verstanden und die Erkenntnisse für eine bessere Erreichbarkeit und Unterstützung genutzt werden. 

Familien, die Präventionsangebote seltener in Anspruch nehmen, fehlen häufig die notwendigen Ressour­cen, um einen gesundheitsförderlichen Lebensstil führen zu können. Damit geht ein Gefühl von Orien­tierungs- und Hilflosigkeit einher. Betroffene empfinden es nicht selten als Eingeständnis von Schwäche, wenn sie Unterstützungsangebote annehmen. Zusätzlich führt die Erfahrung, dort herab­lassend behan­delt und nicht verstanden zu werden, zu einer ablehnenden Haltung gegenüber diesen Angeboten. Hier kann die Stillförderung ansetzen. „Stillen sollte als Ressource genutzt werden. Insbesondere bei Frauen in belasteten Lebenssituationen kann gelingendes Stillen das Selbstbewusstsein stärken, Heraus­forde­rungen mit eigener Kraft zu bewältigen.“ Das betonte Mechthild Paul vom Nationale Zentrum frühe Hilfen (NZFH) bei einer Fachkonferenz zum Forschungs­vorhaben Becoming Breastfeeding Friendly am 5. Juni 2019 in Berlin, bei der Ergebnisse und Empfehlungen zur Still­förderung in Deutschland vorgestellt wurden.

Erfolgreich sind niedrigschwellige Maßnahmen. Für die Stillförderung sind das aufsuchende Angebote wie z. B. Familienhebammen, Willkommensbesuche nach der Geburt oder Stadtteilmütter. Hilfreich sind Fach­akteur*innen mit einer Lotsenfunktion zwischen den verschiedenen Angeboten der Gesundheits­förde­rung. Auch bereits bestehende und berufsgruppenübergreifende Vernetzungs­strukturen (wie kommunale Präventionsketten) sollten genutzt werden, um belastete Familien beim Stillen zu unterstützen. Dabei kommt es darauf an, die Familien in ihren Selbst­hilfe­poten­zialen zu stärken und ihnen eine wertschät­zende Haltung entgegenzubringen. Der Fokus sollte nicht auf den Defiziten liegen. Stattdessen sollten Potenziale und Ressourcen erkannt und hervorgehoben werden. Eine authentische und feinfühlige Kom­muni­kation ist maßgeblich für den Aufbau von Vertrauen und Vertrauen wiederum stärkt ganz wesent­lich das selbstbestimmte Handeln in belasteten Familien.

Die Empfehlungen des Forschungsvorhabens Becoming Breastfeeding Friendly zur Stillförderung in Deutsch­land nehmen Familien mit höherem Unterstützungsbedarf explizit in den Blick, so z. B. die Empfeh­lung zur Stillförderung vor Ort oder die Empfehlung zur Kommunikationsstrategie zur Stillförderung.

Das Forschungsvorhaben Becoming Breastfeeding Friendly (www.gesund-ins-leben.de/becoming-breast­feeding-friendly) wird seit 2017 im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Land­wirt­schaft vom Netzwerk Gesund ins Leben und der Nationalen Stillkommission gemeinsam mit der Universität Yale durch­geführt.

Zitiert nach einer Meldung des Bundeszentrums für Ernährung vom 10.07.2019